Starke Frauen

Einblicke in die BDSM Welt: Ich mag das Spiel mit flüssigem Kerzenwachs.

Margaux Navara spricht mit uns über ihre Vorliebe für BDSM Spiele, ihre Erotikromane und Lieblingssexspiele und gibt Tipps für Einsteiger.

Liebe Margaux, Du betreibst den Blog margauxnavara.com und bist Autorin von mehr als 10 Erotikromanen, die alle das Thema BDSM behandeln. Kläre uns noch mal genau auf: was bedeutet BDSM und was ist die Philosophie dahinter?

BDSM steht für Bondage and Discipline (Fesselungen und Disziplin, also Erziehungsspiele), Dominance and Submission (Dominanz und Unterwerfung), Sadism and Masochism (Sadismus und Masochismus, also das Spiel mit dem Schmerz).

Das Akronym ist Sinnbild für all die Spielarten, die quasi außerhalb des „normalen“ Sex und der Missionarsstellung stehen. So weit man das alles ausdehnen kann, so eng kann man es fassen. Was ist BDSM? Der Klaps auf den Hintern? Oder nur der Schlag mit der Peitsche? Eine Maske aufsetzen und sich auf die anderen Sinne konzentrieren oder sich ganz in Latex mumifizieren lassen? Für einen „Fehler“ diszipliniert zu werden oder ein Mann, der sich mit Babywindeln ins Bett legt? Ich sage: All das und alles dazwischen.

Niemand kann genau sagen, wo es anfängt, nur dass es vor gewissen Grenzen aufhört, nämlich, dass es niemals Minderjährige umfassen darf oder Menschen, die nicht für sich selbst entscheiden können. Die Hauptsache für ernsthafte und verantwortungsbewusste BDSMler: Alles muss in gegenseitigem Einverständnis geschehen. Selbst wenn man Spiele macht, in denen es so aussieht, als würde man ohne Einwilligung handeln (z.B. Vergewaltigungsfantasien ausleben). So liegt auch diesen immer der Wunsch beider (!) Partner zugrunde, genau das zu erleben. Zumindest sollte es so sein. Trifft man also auf einen Partner, der sich nicht daran hält und ohne Einverständnis vorgeht, sollte man die Beziehung sofort abbrechen. Es gibt leider auch viele schwarze Schafe, die unter dem Deckmäntelchen BDSM Missbrauch begehen oder ihre psychischen Störungen ausleben.

Betreibt man es aber so, wie es sein soll, nämlich unter Beachtung von Sicherheitsregeln und des gesunden Menschenverstands und nur mit gegenseitigem Einverständnis, dann ist es wunderschön. Safe, sane and consensual heißt der Leitspruch auf Englisch. Und zwar genau für diejenigen, die ihre sexuelle Erfüllung darin sehen oder nur das Machtgefälle in ihrem Leben wollen und brauchen.

Sind die Geschichten, die Du schreibst, selbst erlebt – oder zumindest “nach einer wahren Begebenheit” erzählt? Woher nimmst Du Deine Inspiration?

Selbst erlebt? Nun ja, ich war noch nie im Mittelalter und bin keine Piratin 😉 Nein, ich kann das nicht alles selbst erlebt haben. Es sind ja keine Autobiografien, sondern Romane, also Fantasien. Gerade aber die BDSM-Szenen sind so nah an der Realität wie möglich. Das heißt, ich beschreibe gerne Situationen, die ich so schon erlebt habe, dazu noch welche, von denen ich mir zumindest aus meinem Erfahrungsschatz vorstellen kann, dass sie so ablaufen könnten. Meine Inspiration ist immer auch die Interaktion mit meinem Mann, mit dem ich mein BDSM auslebe, aber auch Gespräche mit anderen aus der Szene. Genauso dienen aber auch meine Geschichten meinem Mann als Inspiration …

Wie ist Deine sexuelle Vorliebe für Fesselspiele und Co. entstanden und wie hat sie sich im Laufe der Jahre entwickelt? Wann hast Du Deine ersten BDSM-Erfahrungen gemacht?

Diese Vorliebe war schon immer in mir, wie ich inzwischen weiß. Ich habe schon als Kind davon geträumt, entführt und gefesselt zu werden. Und mit dem Erwachen meiner Sexualität wurden diese Träume sexueller. Dass das BDSM ist, habe ich erst sehr viel später erfahren, seitdem ich Bücher zu dem Thema fand und später im Internet entdeckte, dass ich keineswegs alleine bin mit meinen „seltsamen“ Vorstellungen. Bei diesen Entdeckungen fiel mir dann auch auf, dass mein Mann die gleichen Fantasien haben muss, denn er verwendete gerne improvisierte Fesseln oder fasste auch gerne mal härter zu.

Da er aber ein Mensch ist, der nicht einfach andere Menschen schlägt (schon gar nicht Frauen!), musste ich ihm ein wenig auf die Sprünge helfen, indem ich ihm klarmachte, dass ich auf Fesselungen und Schläge stehe. Das kostete Mut und Einfallsreichtum. Ich schenkte ihm zu Weihnachten Stoffstreifen ohne ein Wort der Erklärung dazu. Ihr hätte mal seine Augen aufleuchten sehen sollen, als ihm klarwurde, was er da in Händen hielt!

Aber es hat sich so gelohnt! Seitdem (und das ist schon viele Jahre her) haben wir ein perfektes Sexleben und werden es sicher bis an unser Lebensende beibehalten, denn es gibt noch tausend Dinge, die wir ausprobieren möchten und die uns beide anmachen.

Die Meinungen über BDSM gehen deutlich auseinander. Manche leben und lieben BDSM – andere finden diese Praktik abschreckend. BDSM ist tabuisierter als viele andere sexuelle Spielarten. Wissen Deine Freunde oder Deine Familie von Deiner Leidenschaft für BDSM und wie gehen sie damit um? Stößt Du damit manchmal auf Kritik oder Unverständnis?

Die Abneigung vieler rührt vor allem von Vorurteilen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass da Frauen gegen ihren Willen geschlagen oder misshandelt werden. Ich habe auch schon so manches Mal gehört, dass auch Pädophilie mit BDSM in einen Topf geworfen wird, oder dass man glaubt, alle BDSMler würden nur sehr eklige Dinge tun, zum Beispiel mit Fäkalien spielen.

Das ist nicht der Fall. Ich würde das nie tun und habe es auch noch nie getan. Aber ich hänge mir kein Schild um, auf dem steht, welche Praktiken ich bevorzuge, weshalb das für andere nicht ersichtlich ist. Wie übrigens bei allen Menschen, die ich so kenne. Wer weiß schon genau, was die in ihren Betten, Sofas, auf Küchentischen oder im Gartenhäuschen so treiben?

Mit meiner Familie, also Geschwistern usw., spreche ich nicht über meine Sexualität, genauso wenig, wie vermutlich andere Leute dies tun, zumindest nicht in meinem Bekanntenkreis. Dann gibt es natürlich Freundinnen, mit denen man schon mal darüber spricht. Diese stört es nicht, da ich ja niemanden damit bedränge oder missionieren will, sondern sie alle auf dem Standpunkt stehen, dass jeder selbst wissen muss, was er will und mag. Und dann sind da die Freunde, die ich erst über das BDSM gefunden habe. Mit ihnen kann ich schon mal offener darüber sprechen, sie sind natürlich auch nicht voreingenommen. Diese Gespräche sind unglaublich wertvoll, weil man sich nur hier richtig austauschen kann. Ich kann nur jedem, der Interesse an BDSM hat, raten, sich solche Freunde zu suchen, zum Beispiel auf Stammtischen oder auch online in entsprechenden Foren.

Was ist Dein Lieblingsspielzeug und was ist das besondere daran für Dich und Deinen Partner?

Eine ganz schwierige Frage. Manchmal ist mir nach diesem, mal nach jenem. Dann entscheidet aber letztlich mein Mann darüber, was er benutzt …

Ich mag das Spiel mit flüssigem Kerzenwachs. Vielleicht weil ich da zum ersten Mal in den Subspace abgetaucht bin? Wie das heiße Wachs auftrifft … Da ich dabei in der Regel eine Maske trage, sehe ich nicht, wo. Es lässt sich wunderbar steigern von zart bis schmerzhaft, von Stellen, an denen es (fast) nichts ausmacht bis zu denen, an denen es wie ein Blitz ins Lustzentrum fährt.

Ich mag Spanking, aber meine Schmerzgrenze ist von der Tagesform abhängig, entsprechend auch die Grenze, bis zu der ich es als lustvoll empfinde. Spanking bedeutet das Schlagen mit der Hand oder mit Paddeln, Gerten, Floggern, Schneidbrettern, Linealen, Stöcken und was auch immer ihm so in die Hände fällt. Mein Mann ist da sehr einfallsreich. Lustschmerz nennt man das, und wenn man es so mag wie ich … fantastisch!

Ich mag aber auch gefesselt zu sein. Es muss kein Bondage sein, das perfekt ausgeführt ist. Mir reicht es, bewegungsunfähig zu sein. Als Kopfmensch werde ich so recht schnell dazu gebracht, mich auf das Fühlen zu konzentrieren und das Denken auszuschalten. Pure Erholung!

Gibt es bei Dir oder Deinem Partner Grenzen? Was würdest Du auf gar keinen Fall ausprobieren?

Natürlich gibt es Grenzen, bei uns beiden. Dabei muss man unterscheiden zwischen den „Niemals-nie-nicht-Grenzen“ und den „im-Moment-nicht-Grenzen“. Garantiert nie werden wir mit Fäkalien oder Urin spielen. Auch Doktorspiele geben uns beiden nichts. Nadeln auch nicht. Mir fallen gar nicht alle Möglichkeiten ein, die ich nicht machen will.

Dann gibt es Grenzen, von denen ein Partner sagt, dass er das nicht mag. Aber oft hört man schon im Gespräch heraus, dass es kein absolutes Tabu ist. Dann kann man sich darüber absprechen, ob man es vielleicht doch mal probieren will. Gerade bei solchen Grenzen ist das Gespräch wieder enorm wichtig. Mein Mann gibt mir nur sehr selten ein Safeword vor, da er weiß, dass ich sage, wann er aufhören soll. Auch ein Dom darf sich nur in den Grenzen bewegen, die Sub ihm setzt.

Ich finde sowieso, dass all diese Spiele die Achtsamkeit schärfen. Ohne dass mein Partner genau beobachtet, auch kleine Zeichen liest und meine Körpersprache interpretiert, kann ein Spiel nicht wirklich tief gehen. Deshalb bin ich auch kein Fan von einmaligen Treffen. Das hat vielleicht auch einen Reiz, aber ich muss diese Zeichen erst lesen lernen, damit ich wirklich abtauchen kann. Ich kann auch einem Fremden nie ganz vertrauen. Immerhin lege ich ihm mein Leben in die Hand. Wenn er mich falsch fesselt, kann das richtig schiefgehen!

Studien zufolge hat sich jeder fünfte Deutsche im Bereich BDSM bereits ausgetobt. Wie können Paare einen passenden Einstieg finden? Was ist Dein Geheimtipp für BDSM-Anfänger?

Das werde ich häufiger gefragt und ich antworte gerne darauf, denn ein guter Einstieg ist wichtig.

Meist ist es so, dass ein Partner eine Vorstellung hat von dem, was er/sie gerne einmal ausprobieren würde. Dass es dabei nicht darum geht, unbedingt etwas zu übernehmen, weil „alle“ es tun, sollte selbstverständlich sein. Ernst wird es dann, wenn man ein inneres Bedürfnis danach hat, wenn es anmacht, geil macht oder man vielleicht nur mit solchen Fantasien überhaupt erregt wird.

Letztlich hängt es von dem Verhalten des Paares ab. Manche können direkt darüber sprechen. Ich fürchte allerdings, dass das bei den wenigsten der Fall ist, zumindest nicht nach den Anfragen, die mich erreichen. Andere brauchen einen Umweg, weil sie Angst haben, vom Partner als pervers abgestempelt zu werden. Hier kann man zum Beispiel ein Buch lesen und den Partner auf eine entsprechende Stelle hinweisen. Oder einen Film anschauen und durchblicken lassen, dass man diese Szene gerne selbst einmal so ausprobieren würde. Das ist sicher besser, als ihn einfach schlafend ans Bettgestell zu ketten … Ach ja, man kann auch auf den Seiten von Sexshops surfen und auf interessantes Spielzeug hinweisen. Oder seine Träume aufschreiben und sie dem Partner vorlesen. Oder sie „zufällig“ offen liegen lassen … Es gibt so viele Möglichkeiten. Egal, welche man wählt, ich finde immer, dass das Gespräch das Wichtigste überhaupt ist. Wie sonst soll man herausfinden, welche Wünsche man ausleben will oder wie weit das Einverständnis geht?

Noch etwas:

BDSM heißt nicht, dass jeder, der damit zu tun hat, auf die gleichen Dinge steht. Wer gefesselt werden mag, möchte nicht unbedingt geschlagen werden. Wer gerne in Latex eingewickelt werden will, hat vielleicht kein Interesse an Nadelspielen. Wer sich unterwirft, möchte trotzdem nicht gedemütigt werden … Jeder Mensch hat eigene Vorstellungen, eigene Spiele oder Fetische, die ihn anmachen. Um diese geht es. Deshalb ist es auch so schwierig, den richtigen Partner zu finden. Denn es sollte ja jemand sein, der die gleichen (genau genommen die entgegengesetzten!) Wünsche oder Fetische hat. Man muss auch nicht alles ausprobieren. Man kann im Gespräch herausfinden, was man unbedingt mal machen will, was vielleicht infrage kommt und was garantiert überhaupt nicht gewollt ist.

Gibt es noch etwas, dass Du unseren Lesern und Leserinnen auf den Weg geben möchtest?

Mir ist es immer wichtig, gerade bei einer Rollenverteilung von dominant/aktiv und submissiv/passiv (unterwürfig, devot, etc.), darauf hinzuweisen, dass nicht alle Verantwortung bei dem dominanten Partner liegt. Natürlich trägt dieser Verantwortung. Aber auch derjenige, der sich unterwirft, sollte nicht die Verantwortung ablegen. Jeder ist immer und überall für sich selbst verantwortlich.

Grenzen sind grundsätzlich da, um eingehalten zu werden. Und wenn der dominante Part sie einfach überschreitet, obliegt es eben der Sub, ihre/seine Rechte einzufordern, egal, ob dies das Spiel stört oder beendet. Sich dem Willen eines anderen Menschen zu unterwerfen, heißt nicht, seinen Verstand mit abzugeben!

Liebe Margaux, vielen Dank für Deine Zeit und Mühe und, dass Du uns in diese Welt Einblicke gewährst.

Ich danke euch für die Möglichkeit, etwas über ein Thema beitragen zu können, das zwar in aller Munde ist, aber oft wenig realistisch dargestellt wird.

 

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Julie

Gründerin von femtasy und begeisterte 'Von Frau zu Frau'-Interviewerin :)

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