Starke Frauen

Ich glaube Religion und Sexualität brauchen einander

Wir sprechen mit Anna darüber wie ihre Arbeit als Sexualtherapeutin und ihr Glaube sich gegenseitig beeinflussen.

Liebe Anna, Du bist Bahai inspiriert und Sexualtherapeutin (hier geht es auf Annas Seite:  bodywork-muenchen.de). Spannende Kombination! Wie beeinflussen diese beiden Seiten Deines Lebens sich gegenseitig?

Auf jeden Fall sehr stark. Der Glaube prägt mein ganzes  Menschen- und Weltbild grundlegend. Dass jeder Mensch ein Bergwerk reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert ist und damit nicht “kaputt” ist und “repariert” werden muss, wenn er sich einer scheinbar unlösbaren Situation gegenüber sieht. Jeder hat  Ressourcen, Fähigkeiten und eine innere Weisheit, die ihn leitet. Und es ist viel wichtiger, zu lernen, dem zu lauschen und das zu fördern, als einen standardisierten, scheinbar idealen Weg zu gehen. Gerade “Funktionsstörungen” im sexuellen Bereich sind oft eine Einladung, zu lernen, sich selbst zuzuhören.

Umgekehrt wäre ich, glaube ich, ohne meinen Beruf weniger kritisch und hinterfragend mit alten Denkmustern der Religionen. Da ist ja aus der Vergangenheit viel Ungesundes im Umlauf. Das Wissen um die menschliche Sexualität spornt mich immer wieder an, nach der Wahrheit zu suchen, die die beiden vereint. Ich glaube echte Religion und Sexualität brauchen einander.

Bist Du als gläubige Sexualtherapeutin schon mal auf Kritik gestoßen? Wenn ja, wie gehst Du damit um?

Eher wenig. Mit Sicherheit liegt das aber auch an meinem Umfeld. Die meisten Menschen sind begeistert von dem Ansatz. Ich glaube bei vielen gibt es eine Sehnsucht, Glaube und Sexualität wieder miteinander zu vereinen, deshalb finden es die meisten eher  interessant. Die letzten Jahrhunderte waren diese Kräfte getrennt. Man konnte nur der einen oder der anderen zugewandt sein. Dass die Trennung dieser zwei Urkräfte keinen Sinn macht, glaube ich, leuchtet vielen Menschen ein.

Kaum ein anderer Bereich des menschlichen Zusammenlebens ist so anspruchsvoll und gleichzeitig so zentral für unser Leben wie die Sexualität. Gib uns einen kurzen Einblick: was sagt Gott zu Sex? Wie passen Sex und der Glauben zusammen?

Zunächst glaube ich müssen wir das Bild  aus unserem Kopf bekommen, dass Gott ein Mann mit Rauschebart und menschlichem Willen ist. Auch wenn wir als Menschen das Konzept von “Gott” sicher nie ganz durchdringen werden, gibt es Anhaltspunkte, worum es sich handeln könnte. Es ist zunächst einmal ein Begriff für die Schöpfungskraft, die das Leben im Universum erschaffen hat. Diese Kraft hat Prinzipien nach denen sie wirkt, daraus ergeben sich Zusammenhänge zwischen Handlung und Wirkung eines Menschen. Sexualität ist nun der Moment, wo wir sehr engen Kontakt mit dieser Kraft haben – wir können, wenn wir wollen, einen neuen Menschen ins Leben bringen, oder tiefste Liebe und Verbundenheit ausdrücken. Sexualität kann also sozusagen ein Teil von dem, was wir Gott nennen, sein.

Was ist mit Selbstbefriedigung? Was denkst Du vor einem gläubigen Hintergrund darüber – machen oder sein lassen?

Ich glaube, das ist eine Frage des Maßes. Es gibt im Bahai Glauben das schöne Bild von Reiter und Pferd. Die Sexualität ist das Pferd, unsere Werte der Reiter, der weiß, wo es gut ist für das Pferd hin zu gehen, der ihm dem Weg weist, aber auch sein Wesen achtet und respektiert, auf seine Bedürfnisse achtet und mit ihm kooperiert. Jeder Reiter weiß, dass sowohl Regellosigkeit als auch zu strenges Einschränken des Wesens des Pferdes zu Problemen führt.

Ich glaube so ist es auch mit der Masturbation als Teil der Sexualität. Wir können uns dabei kennen lernen, herausfinden, was uns gut tut und so die Grundlage für eine gute Paarsexualität legen und uns einfach Gutes tun, uns glücklich und zufrieden machen. Allerdings braucht es einen gesunden  Rahmen. Wichtige Bestandteile dessen liegen für mich z.B. im Maß. Also ist es eine Bereicherung oder betäube ich damit Unangenehmes? Achte ich auf mich, höre ich mir zu? Oder ist es nur schnelle Entladung? Ich möchte nicht sagen, dass das prinzipiell schlecht ist, aber es bleibt doch hinter dem Potential weit zurück.

Einen weiteren wichtigen Bestandteil finde ich, auch hier auf Konsens zu achten. Oder andersherum ausgedrückt sollte Masturbation nicht dazu führen, dass wir Menschen gegen ihren Willen, wenn auch nur in unserer Fantasie, objektifizieren. In einer vertrauensvollen Beziehung kann das durchaus auch anders abgemacht werden. Klingt langweilig? Auf den ersten Blick vielleicht. Aber es ist ein großer Gewinn für einen Menschen, Leute, auch wenn sie vielleicht attraktiv erscheinen, nicht auf ihren Körper zu reduzieren, sondern vorrangig den Menschen dahinter zu sehen.

Wichtig ist, dass unser Respekt für die Seele eines Menschen immer an erster Stelle stehen. Stell dir einmal vor, was für einen enormen Unterschied das in unserer Gesellschaft machen würde! Und es gibt uns die Chance, von unserer Projektion auf andere zurückzukommen zu dem, was wir wirklich im Körper empfinden.

Deutsche Frauen heiraten durchschnittlich mit 32 Jahren – das erste mal Sex allerdings erleben sie in der Regel mit 17 Jahren. Das steht im starken Kontrast zum Keuschheitsgedanken. Was hältst Du von strenger Enthaltsamkeit vor der Ehe?

Meine Klientinnen kommen ja aus sehr verschiedenen Kontexten, die meisten sind nicht gläubig, und leben in den verschiedensten Partnerschaften. Da pauschal zu Keuschheit zu raten wäre unprofessionell. Ich will ihnen helfen, mit der konkreten Fragestellung, mit der sie zu mir kommen, weiter zu kommen und ihnen nicht mein Wertesystem überstülpen. Das geistige Konzept hinter der Keuschheit ist aus meiner Sicht, dass einer körperlichen Verbindung eine stabile und verlässliche, auf Liebe beruhende seelische Verbindung voraus geht. Um der Sexualität den Raum zur Entfaltung und die Sicherheit zu geben, die sie braucht. Das zeigt einfach die Erfahrung, dass das schlechten Erfahrungen vorbeugt. Auch hier sind aber die Strategien der Klientinnen sehr verschieden und ich rate zu keiner Speziellen. Mir ist nur wichtig, dass sie lernen, auf sich zu achten. Ich bin ja keine Missionarin, sondern Therapeutin.

Was rätst du jungen Frauen, die nicht wissen, wie sie ihren Glauben mit ihrem Interesse an der eigenen Sexualität vereinbaren können – und dürfen?

Ich würde ihnen raten, selbst und unvoreingenommen nach der eigenen Wahrheit zu suchen, die ihnen dient. Sich auf die Suche zu machen, was Gott eigentlich für sie ist, was ihn ausmacht und wie diese Kraft zu meiner erwachenden Sexualität stehen könnte? Wie ist das, für was Gott steht (Liebe, Einheit, Vergebung, Ehrlichkeit etc) in der Sexualität anwendbar? Und ich würde ihnen raten, einen Glauben zu finden, der das Thema nicht tabuisiert, sondern wo es in den Gemeinden einen fruchtbaren Austausch darüber gibt, sowohl mit Gleichaltrigen als auch mit der Elterngeneration.

Das Thema ist heute ja wahnsinnig präsent – in jeder Werbung, jeder Zeitschrift – und oft mit falschen Werten und Oberflächlichkeit konnotiert. Der Wert einer gesunden Umgebung, in der sich Jugendliche über Sexualität austauschen können, ist nicht zu unterschätzen.

Jetzt wird es persönlich… 🙂 In welchem Alter hast Du angefangen, Dich mit Deinem Körper und Deiner Sexualität zu beschäftigen? Hat Dir Dein Glaube vielleicht sogar bei Deiner “sexuellen Selbstfindung” geholfen?

Auf diese Frage möchte ich indirekt antworten. Nicht weil ich diese Information nicht teilen möchte, sondern weil sie den Fokus auf etwas legen könnte, das ich nicht unterstützen möchte: das Vergleichen bis hin zum Wettbewerb, in welchem Alter denn nun wer mit wem das erste Mal hatte, was zu einem enormen Gruppendruck unter Jugendlichen führen kann. Wer “spät” dran ist, gilt als uncool und nicht begehrt. Nicht selten machen Jugendliche ungünstige erste Erfahrungen, weil sie aus Neugier oder wegen des erhofften Statusgewinns nicht kritisch prüfen, ob der Partner wohlwollend und liebevoll handelt und, ob sie überhaupt bereit dafür sind.

Ja, der Glaube hat mir sehr geholfen, eine gesunde, lebendige Sexualität und ein Verständnis für Annahme und Absichtslosigkeit zu entwickeln, also Wünsche und Grenzen zu akzeptieren und als Chance  für wahre Intimität zu sehen. Und er zeigt mir immer wieder, dass Sex bei weitem nicht das Wichtigste in diesem Leben ist. Das mag bei meinem Beruf unerwartet klingen, aber ich glaube es ist gesund, anderen Dingen im Leben, wie z.B. der Entwicklung der Seele hin zu Liebe, Großzügigkeit, Bescheidenheit und Toleranz und den Dienst an der Menschheit mehr Bedeutung beizumessen.

Am Ende profitiert davon auch die Sexualität, weil das viel Druck rausnimmt. Sie darf dann genau das sein – die schönste Nebensache dieser Welt, die sehr erfüllend und bereichernd sein kann, aber nicht tragend für ein Leben oder eine Beziehung ist. Erst dann kann sie sich (angst-)frei entfalten.

Liebe Anna, vielen Dank für das tolle, inspirierende Gespräch.

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Julie

Gründerin von femtasy und begeisterte 'Von Frau zu Frau'-Interviewerin :)

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