Starke Frauen

Polygam leben: Ich musste fast 30 Jahre alt werden, um mich selbst wirklich kennenzulernen

Wir haben mit Suse über ihre Einstellung zu offenen Beziehungen und Eifersucht gesprochen. Danke, Suse, für Deine Offenheit!

Liebe Suse, wir fragen mal ganz direkt. Ist Deine Sexualität – und damit meinen wir Deine Vorlieben, Deine Bedürfnisse, Deine intimsten Wünsche –  ein Tabuthema für Dich? Und: hast Du Dich schon mal für sexuelle Vorlieben geschämt?

Ganz klar: Nicht mehr! Ich schäme mich nicht mehr, seit ich mich nach fast 8 Jahren von meinem Exfreund, nennen wir ihn J, getrennt habe. Ich schäme mich nicht mehr, seit ich kurz nach der Trennung einen anderen Partner, nennen wir ihn F, traf, der mir mein heutiges sexuelles Selbstbewusstsein gegeben hat.

Mit 16 lernte ich J kennen. Er war ein Freund eines Freundes. Es dauerte ca. 6 Jahre bis wir fast zufällig ein Paar wurden. J war alles für mich. Bevor es ernst wurde mit uns, hatte ich den ein und andern geküsst, tolle Nächte mit ihnen verbracht und mir ab und an auch mein Herz brechen lassen. Selten waren mir zu der Zeit Dinge unangenehm. Ich war mitten in der heißen Abi-Phase, ging viel aus, lernte viele Leute kennen und bin grundsätzlich ein ziemlich offener Typ. Mit den damaligen Männern, mit denen ich keine ernsthafte Beziehung führte, sondern eher nur verknallt war, wollte ich ganz viel ausprobieren. So hatte ich Sex zu dritt, zum ersten Mal einen Finger in meinem Hintern und wurde ans Bett gefesselt. Allerdings gingen die Ideen hierfür nie von mir aus. Immer waren es die Männer, die die Impulse gaben und ich neugierig mitmachte. Kaum etwas war mir unangenehm – solange das Licht ausblieb. Ich habe sehr lange gebraucht, um ein wirklich gutes und starkes Körpergefühl zu entwickeln. Und dadurch auch herauszufinden, was mir ernsthaft Freude und Lust bereitet. Traurig aber wahr: mit J war mir immer irgendetwas unangenehm. Gemeinsam duschen, im Bikini rumlaufen. Schätzungsweise alles, was mit nackter Haut zu tun hatte. Ich habe keine Erklärung dafür. Nie äußerten wir einander gegenüber besondere intime Wünsche etc. Auch hierfür habe ich keine Erklärung. Beim Sex lief’s immer nach dem selben Prinzip ab: Blowjob, Missionarsstellung, Doggystyle – fertig. Mal etwas wilder, mal etwas softer. Du weißt schließlich welche Knöpfe du wann und wie drücken musst. Ich war nie wirklich unzufrieden. Aber auch nicht vollkommen Feuer und Flamme für mein Sexleben. Natürlich habe ich mich ab und an gefragt, warum ich mit J nicht die ganzen Dinge erlebe, die ich zuvor mit den anderen Männern erlebt hatte. Den Wunsch nach z.B. einem Dreier oder Analsex habe ich in all den Jahren aber nicht geäußert. Heute kann ich mich selbst nicht mehr verstehen. J wäre sicher offen für diese Erlebnisse und Erfahrungen gewesen, hätte auch gern neuen Schwung in unsere Liebe gebracht. Aber ich habe nie mit ihm gesprochen. Wir haben einfach irgendwie zusammen „funktioniert“. Ich musste fast 30 Jahre alt werden, um mich selbst wirklich kennen zulernen. Meinen Körper selbst anzufassen, Pornos zu gucken und z.B. auch Sextoys zu benutzen. Seit ich F kenne, tue ich all diese Dinge ziemlich regelmäßig. Ich steh total auf Selbstbefriedigung. In der Beziehung mit J hätte ich niemals gedacht, dass ich so selbstverständlich über meine Vorlieben, Bedürfnisse und Wünsche erzählen würde, aber tatsächlich zeige ich F heute ganz selbstverständlich was ich will und was nicht.

Immer mehr Menschen leben polygam – auch im europäischen Raum. Wäre das eine Option für Dich? Kann Polygamie förderlich sein für die Zufriedenheit mit der eigenen Sexualität?

Nach der Trennung traf ich nicht nur F – sondern auch L. Bisher hatte ich eine polygame Beziehung für mich vollkommen ausgeschlossen. Wie soll man denn zwei Menschen gleichzeitig gut finden, begehren und „fair“ lieben? Irgendwer muss doch dabei auf der Strecke bleiben – dachte ich. Mittlerweile bin ich schlauer. Seit Sommer 2017 daten F und ich. Wir bezeichnen einander nicht als Girlfriend und Boyfriend. Auch weil es neben F noch L für mich gibt. Ich habe sie fast zeitgleich kennengelernt. Sie leben in der selben Stadt und kennen einander sogar recht gut. Zwischen F und mir hat es sofort gefunkt und nach 7 Tagen Telegram-Nachrichten folgte ein ganzes Wochenende in seinem Bett. Das war großartig. Dass L ernsthaftes Interesse an mir hat habe ich erst sehr spät gemerkt. Ohne Fs feste Freundin zu sein, hatte ich kaum Augen für andere. L hat sich aber alle Mühe gegeben immer auch bei mir präsent zu sein. Und dann passierte es eines Nachts: F verließ die Party früher als ich, L nahm seinen Platz auf der Tanzfläche ein und kurze Zeit später zitterte ich in Ls Hochbett während er meine Vagina liebkoste. Seitdem treffe ich beide. Das Problem ist: L weiß das und ist total fine damit. F weiß es nicht. Und trotz der Tatsache, dass wir nicht zusammen sind, habe ich nicht den Mut es F zu sagen, aus Angst ihn zu verletzen und zu verlieren. Dass dies ziemlich egoistisch und unfair von mir ist, ist mir wohl bewusst. Natürlich habe ich schon mal mit F über eine offene Konstellation gesprochen (– was genau genommen ja Quatsch ist, denn wir sind ja nicht zusammen!). Für ihn kommt sowas aber „eher nicht in Frage“, weil er sich nicht vorstellen kann „wie das logistisch machbar sein soll“. Es ist machbar. Mit zwei Jungs, die in der gleichen Stadt leben, nur wenige Gehminuten voneinander entfernt. Für mich ist diese Konstellation in jedem Fall förderlich für meine persönliche Sexualität. Es ist wunderbar abwechslungsreich. Angefangen bei den beiden unterschiedlichen Körpern und ihren Gerüchen und ihre Art mich anzufassen und mir zu zeigen wie sehr sie mich begehren. Für mein Karma gibt es an dieser Stelle sicher dicke Minuspunkte, da ich unehrlich einem der beiden gegenüber bin. Mit L kann ich ganz offen über unsere Konstellation sprechen. Er hatte noch nie eine feste Beziehung. An die große Liebe glaubt er eigentlich auch nicht. Er will den Moment genießen, solange es Spaß macht und sich gut anfühlt. Oder aber bis ihm die Richtige über den Weg läuft. Und F? Der möchte eigentlich genau das Gleiche – aber ohne das Girl zu teilen. Und ich? Ich will beide! Weil es mit beiden unbeschreiblich großartig ist. Und wenn ich dem einen und auch dem anderen sage, dass ich glücklich und happy bin, wenn wir Zeit miteinander verbringen, dann meine ich das aus vollem Herzen Ernst.

Jetzt mal Hand aufs Herz – wie ist es mit der Eifersucht, wenn der Partner, den man liebt, jemand anderen datet? Kann man das einfach abstellen – oder ist Eifersucht auch in einer polygamen Beziehung sogar bis zu einem bestimmten Punkt hilfreich?

In meiner 8-jährigen Beziehung gab es keine anderen Männer für mich. Und auch aktuell weiß ich, meine luxuriöse Situation zu schätzen. Zu wissen, dass L andere Frauen datet, spornt mich an. Ich will bei jedem Wiedersehen noch schöner sein für ihn. Ich will, dass er sich nach jedem Date denkt, dass ich toll bin und er nur mich will. Ebenso will ich aber natürlich auch für F schön und heiß sein. Wenn ich es mir genau überlege, dann finde ich den Gedanken, dass F eine andere daten könnte sehr unangenehm. Ich hätte Angst, dass die Andere schöner und toller ist als ich. Verrückt. Denn ich selbst beweise mir ja gerade, dass es möglich ist zwei Menschen ziemlich gleich gut zu finden, ohne einen zu kurz kommen zu lassen. Ich messe da tatsächlich sehr mit zweierlei Maß.

 Vielen Dank für das Interview und Deine Offenheit, Suse.

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Julie

Gründerin von femtasy und begeisterte 'Von Frau zu Frau'-Interviewerin :)

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