Starke Frauen

LOS über Homo- und Bisexualität: Die Schweiz braucht die Ehe für alle

Anna ist Geschäftsführerin der Schweizer Lesbenorganisation LOS und spricht mit uns über Missverständnisse und Generationenkonflikte bei Bi- und Homosexualität, ihre Arbeit bei LOS und über ihr Coming Out.

Du bist Geschäftsleiterin der Schweizer Lesbenorganisation LOS, welche sich für lesbische, bisexuelle und queere Frauen einsetzt. Was ist Eure Mission und wer genau steht hinter LOS?

Die LOS setzt sich dafür ein, dass frauenliebende Frauen glücklich sind. Das heißt einerseits, dass wir Anlässe organisieren: Gemeinsames Feiern an Partys, Diskutieren an Podien, Demonstrieren auf Schweizer Strassen. Andererseits mischen wir in der Politik mit und machen uns in den Medien breit, damit man uns sieht und hört. Unsere aktuelle Mission lautet: Die Schweiz braucht die Ehe für alle! Und zwar inklusive sicherem Zugang zu Samenspenden – das wird in unserem Land momentan heiß diskutiert. Wenn wir Frauen keine Familien gründen dürfen, ist die Ehe für alle noch immer ungerecht.

Der Begriff “queer” ist sicherlich noch nicht jedem / jeder geläufig – magst Du nochmal erklären, was genau das bedeutet?

Klar, ist ja auch ein eher neues Wort. „Queer“ ist eigentlich alles, was nicht der Hetero-Norm entspricht. Es ist eine Art Überbegriff, zum Beispiel für Lesben, Bisexuelle, Trans-Personen, Asexuelle… In der LOS widmen wir uns vor allem den bisexuellen und lesbischen Frauen. Man könnte also sagen: Die LOS ist für alle queeren Frauen.

Wie erlebst Du die Gesellschaft in der Schweiz, wenn es um das Thema Bi- und Homosexualität geht?

Ganz viele Schweizerinnen und Schweizer sehen sich gern als modern – aber so modern sind wir noch gar nicht. Europaweit liegen wir, was queere Rechte angeht, auf Platz 22! Zweiundzwanzig! Das ist lausig. Hinzu kommt, dass noch ganz viel Unwissen herrscht: Viele wissen nicht, dass die Homo-Ehe hier noch nicht legal ist. Oder haben keine Ahnung, wie Frauen miteinander Sex haben. Oder dass Bisexualität überhaupt existiert! Wir brauchen in der Schweiz also Aufklärung an den Schulen, Repräsentation in den Medien und lesbische sowie bisexuelle Frauen in der Politik.

Was sind in Eurer täglichen Arbeit bei der LOS die größten Herausforderungen?

Wir haben so viele Pläne, dass wir manchmal gar nicht wissen, wo wir überall unsere Finger im Spiel haben wollen! Genau darum brauchen wir mehr Mitglieder. Oder, wie wir sie nennen, Mitfrauen.

Hast Du eine besondere Erfahrung während Deiner Arbeit mit der LOS gemacht, die Dich glücklich oder stolz gemacht hat, und über die Du uns berichten magst?

Als wir im Juli ein Kiss-In, also einen Knutschprotest, für eine feministische Ehe für alle veranstaltet haben, standen da wirklich 70 Leute in Zürich und knutschten auf Kommando rum. Darunter auch das Modelpaar Tamy Glauser und Dominique Rinderknecht, die Mitglieder und Unterstützerinnen der LOS sind. Das war schon sehr cool!

Im Allgemeinen bin ich einfach immer wieder überwältigt davon, wie stark und wunderschön lesbische und bisexuelle Frauen sind. (Frauen allgemein, höhöhö.) Unsere Bewegung ist einfach der Wahnsinn. Ich will hier gar nicht mehr weg!

 

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Was ist Deiner Meinung nach das weitverbreiteste Missverständnis zwischen homo-, bisexuellen und queeren sowie heterosexuellen Menschen, das unbedingt aufgelöst werden sollte?

Dass Sex ohne Penis nicht funktioniert, ist total weit verbreitet. Als gäbe es keinen Oralsex, keinen Analsex, keine Finger und Zungen und andere Körperteile und Sextoys! Viele queere Frauen erleben ausserdem, dass man ihnen sagt, sie «sähen gar nicht so lesbisch aus». Was für ein Blödsinn! Kleidung und Schminke haben keine sexuelle Orientierung.

Habt Ihr mit Generationskonflikten zu kämpfen? Sind jüngere Menschen deutlich aufgeschlossener gegenüber Homo- und Bisexualität?

Jüngere Menschen haben sicher besseren Zugang zu Informationen. Früher konnte es locker mehrere Jahrzehnte dauern, bis man mal eine Quelle fand, die Homosexualität thematisierte. Heute reicht eine Google-Suche, auch wenn bei „Lesbe“ erstmal Pornos kommen statt Infos. Viele jüngere Menschen glauben aber oft, wir Homos und Queers hätten schon alles erreicht – das ist eine sehr gefährliche Fehleinschätzung. Es gibt noch viel zu tun!

Wenn Du Dir eine Sache für die LOS und für alle homo-, bisexuelle und queere Frauen wünschen würdest, was wäre das?

Dass sie sich voll und ganz wohl fühlen in ihrem Körper und ihrem Kopf! Das ist nämlich die beste Voraussetzung, erfüllten Sex zu haben, glücklich verliebt zu sein und den eigenen Platz in der Gesellschaft einzufordern.

Sind bei der LOS ausschließlich homo- oder bisexuelle Menschen tätig?

Wir setzen uns für bisexuelle und lesbische Frauen ein, aber unterstützen kann uns jede Person, der Feminismus und Homo-Rechte am Herzen liegen. Darum kann man bei uns neben der Mitgliedschaft auch Unterstützer bzw. Unterstützerin werden.

Jetzt wird’s persönlich. Wann und wie hast Du Dich geoutet? Und wie war die Reaktion Deines Umfeldes?

Meinem Mami – so sagt man auf Schweizerdeutsch – hab ichs mal ganz beiläufig gesagt. Sie fand’s total easy und ist jetzt begeisterte LOS-Unterstützerin. Meinem Papi hab ich mal eine Whatsapp-Nachricht geschrieben mit dem Wikipedia-Link über Bisexualität. Er schrieb zurück: „Hauptsache, du bist glücklich.“ Meine Eltern sind da also supercool! In meinem Bekanntenkreis gab’s ganz unterschiedliche Reaktionen: Von „na und?“ über „ICH AUCH!“ bis hin zu „wow, das ist so heiss!“ (Profi-Tipp: „Das ist so heiss“ ist keine coole Antwort auf ein Coming-Out.)

Was würdest Du einer Frau raten, die sich ihrer sexuellen Orientierung unsicher ist?

Als Erstes würde ich ihr sagen: Du bist nicht allein. Es gibt eine riesige Community, die dich liebt und so ist wie du. Es gibt in fast jeder Stadt Organisationen und Anlässe. Abonniere die LOS auf Instagram und Facebook, dann erfährst du, wo was läuft!

 

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Danke für das tolle Interview, liebe Anna! 

Julie

Gründerin von femtasy und begeisterte 'Von Frau zu Frau'-Interviewerin :)

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