Klare Worte

Sex ist nicht mehr „nur Sex“ für mich

Wir haben mit Victoria über ihre sexuelle Selbstfindung durch Yoga-Training gesprochen.

Liebe Victoria, Du bist Yogini mit Leib und Seele. Wir haben schon häufiger davon gehört, dass intensives Yoga-Training zu einer Art “Kanalisierung der sexuellen Energie” geführt hat. Kannst Du das bestätigen? 

Ja genau, Yoga hat vor knapp 3 Jahren den Weg in mein Leben gefunden. Anfangs habe ich es eher als Sport betrieben, mich dann aber immer intensiver damit beschäftigt, besonders mit den physischen und psychischen Wirkungen der verschiedenen Asanas (=Haltungen) auseinander gesetzt. Besonders als ich vor 1,5 Jahren eine sehr intensive Asana-Praxis betrieben habe, spürte ich eine Veränderung meines Körpers, nicht nur äußerlich sondern auch innerlich. Vor allem nach Stunden, die Hüftöffnungen beinhalten.  Es gibt Asanas, wie die gerade genannten Hüftöffnungen, die die Sexualität und die Weiblichkeit fördern. Nach solch intensiven Stunden, war mein “sex drive” enorm und während des Geschlechtsverkehrs spürte ich alles viel intensiver. Man lernt den richtigen Umgang mit seinem eigenen Körper und nimmt Berührungen viel stärker wahr.

Wir sind neugierig: hat(te) Yoga Auswirkungen auf Deine sexuelle Selbstfindung? 

Wie Du sagst, es kanalisiert die sexuelle Energie, aber es kann auch genau das Gegenteil zur Folge haben. Vor einem Jahr merkte ich besonders nach Yogastunden, dass mein Körper keine Lust auf die sexuellen Ereignisse in meiner Beziehung und mit meinem damaligen Partner hatte, da sich mein Körper und die Göttin in mir nach etwas anderem sehnte. Vor knapp 9 Monaten ist meine derzeitige Yogalehrerin in mein Leben getreten. Sie unterrichtet einen Mix aus Vinyasa und Tantra Yoga mit Fokus auf Weiblichkeit. Während meiner Beziehung fühlte ich mich nicht weiblich, in keinster Weise sexuell anziehend oder attraktiv. Sex hatte ich für meinen Partner, aber nicht für mich. Als sie in mein Leben trat, mit einem Überfluss an Weiblichkeit, welche auch ihre Yogastunden zeichnete, erwachte meine Shakti, das Weibliche/die Göttin, in mir. Seit meiner Trennung im Januar dieses Jahres beschäftige ich mich sehr ausgiebig mit der Weiblichkeit und der Sexualität, im Speziellen innerhalb meiner Shakti Yoga Lehrer Ausbildung bei ihr.  Meine Sexualtiät ist seither auf ihrem Höhepunkt. Es besteht keine Abhängigkeit vom männlichen Geschlecht. Yoga heilt sexuelle “Wunden” und lässt die Yoni, das Sanskrit Wort für Vagina, erwachen.Yoga lässt meinen Körper, meine Yoni und meine Sexualität aufleben und mit jeder Yogastunde stärker werden. Kanalisierung von sexueller Energie durch YogaIch habe mich schon lange vor meinem ersten Mal regelmäßig selbst geliebt, meinen Körper erforscht und experimentiert. Während meiner Beziehung und durch die heutige Gesellschaft dachte ich, Sex muss schnell und hart sein. Yoga lehrte mir das Gegenteil.  Yoga erweckt in mir das Bewusstsein für Dinge, die mich erregen und befriedigen. Es lässt mich Dinge spüren, von denen ich nicht mal träumen konnte. Sex ist nicht mehr „nur Sex“ für mich.

Der weibliche Zyklus ist der Inbegriff der Weiblichkeit – und ist gleichzeitig etwas, wofür sich viele junge Mädchen schämen. Was würdest Du einer solchen jungen Frau gerne mit auf den Weg geben? 

Der weibliche Zyklus ist das Natürlichste und Schönste, das eine Frau erleben darf. Es ist unser Vorteil gegenüber den Männern, kein Nachteil.  Ohne den Zyklus gäbe es kein Leben. Das Blut, welches unseren Körper verlässt, ist voller Leben und so nährend. Dessen sollten wir uns bewusst werden. Den Zyklus als Teil der Weiblichkeit annehmen und wertschätzen, nicht verteufeln und “umgehen”. Jede Frau sollte sich mit ihrem Zyklus auseinandersetzen und Rituale für die einzelnen Phasen schaffen sowie den Körper bestmöglich unterstützen und schützen. 
Wenn ich die Zeit der Menstruation so gut es geht mit O.B.s und Schmerzmittel “überdecke”, dann wird der Körper das keinesfalls gutheißen. Die Menstruation wird ausgeblendet, man lebt einfach weiter als wäre alles wie immer, dies ist nicht natürlich. 
Ich habe vor mittlerweile 2 Jahren auf Binden gewechselt, werde aber bald auf einen Menstruations Cup umsteigen, da  sich O.B.s  immer wie ein Fremdkörper in meiner Yoni angefühlt haben. Das Blut staut sich an und kann nicht seinen natürlichen Weg gehen. Dem Blut freien Lauf lassen, es dann bewusst zu sehen, ist etwas total Natürliches und Essentielles. Man sollte diese Phase zelebrieren, damit ist aber nicht gemeint feiern und Party machen, sondern genau das Gegenteil. Hör auf Deinen Körper, er sagt dir was er in dieser Zeit braucht. Dies ist meist Ruhe und Rückzug. Natürlich ist jeder weibliche Zyklus unterschiedlich, die Auswirkungen auf den Körper in den einzelnen Phasen des Zyklus können von Frau zu Frau variieren. Dies hängt auch mit den Mondphasen zusammen. Deshalb ist es so wichtig einfach mal genau hinzuhören was einem der eigenen Körper mitteilen möchte.

Kein Mädchen, keine Frau sollte sich für ihren Zyklus oder ihr Blut schämen. Es ist ein Geschenk und wunderbar eine Frau zu sein. Wir Frauen sollten untereinander viel offener über diese Themen sprechen, uns gegenseitig bestärken und unterstützen.  

In der heutigen “schnellen” Welt entfernen wir uns immer weiter von uns selbst und verlernen es mehr und mehr auf unsere Körper zu hören. Studien zufolge können nur 3 von 10 16-Jährige den weiblichen Zyklus beschreiben. Hast Du Tipps für junge Frauen, die mehr über ihren persönlichen Zyklus erfahren wollen? 

Mir hat  Yoga enorm viel geholfen, um erstmals meinen Körper zu hören und dann weiter seine Sprache, seine Wege zu verstehen. Zusätzlich darf ich ganz tolle Menschen, insbesondere Frauen in meinem Leben haben, die mich meinem Körper näher bringen und mich so viel lehren.  Man sucht nicht, sondern man wird gefunden. Im Speziellen was das Thema Weiblichkeit betrifft, finden die richtigen Ressourcen einen dann, wenn man bereit dafür ist. 
Wenn man jedoch keinen “Zugang” zu solchen Menschen hat, dann können auch Bücher und Blogs sehr viel helfen. Es gibt viele gute Bücher, eines wäre zum Beispiel “Roter Mond” von Miranda Gay. Das hat mich total fasziniert und ich  stöbere immer wieder darin. Yoga Zeitschriften enthalten ebenso immer wieder sehr gute Artikel zum Thema Weiblichkeit und weibliche Zyklus. Ganz bewusst nach diesen Themen in Buchhandlungen und online suchen, ist bereits der Schritt in die richtige Richtung. Denn nach so einem gesellschaftlichen Tabuthema überhaupt zu suchen und dann zu kaufen, erfordert Mut und Überwindung. Gerne stehe ich für Fragen und Auskünfte zur Verfügung 🙂  

Jetzt femtasy entdecken

“Sex und Selbstbefriedigung während der Menstruation” – no go oder völlig normal? Fühlt es sich anders an? 

Ich denke, das ist eine Entscheidung, die jede Frau, jedes Mädchen für sich selbst treffen muss. Ich habe in meiner bisherigen Beziehung fast immer Sex während der Menstruation gehabt, da es meinen Exfreund nicht gestört hat. Anfangs gab es für mich auch keinen Grund darauf zu verzichten, bis mein Körper irgendwann meinte: “Nein ich will das nicht!” und dies ließ er mich deutlich spüren. Denn innerhalb der Menstruationsphase hatte ich Schmerzen während und nach dem Sex. Mein Expartner hatte hierfür kein Verständnis, so ignorierte ich es anfangs auch. Das Schlimmste was ich mir und meinem Körper antun konnte! Ich wusste, ich muss dem ein Ende setzen. Seither bin ich persönlich Sex während der Menstruation abgeneigt. 

Selbstbefriedigung  mache ich ganz besonders während der Menstruation. Da spüre ich die Orgasmen und meinen Körper viel intensiver. Für mich hat es einen anderen Effekt, vielleicht eigen und “medizinisch/körperlich” betrachtet nicht korrekt. Wenn ich mich selbstbefriedige, während ich blute, habe ich das Gefühl es hilft dem Blut seinem natürlichen Fluss nach zu gehen. Es lindert auch Schmerzen und lässt mich, wie bereits erwähnt, meinen Körper viel intensiver spüren und seine “Nachrichten” an mich werden klarer.  

Ich denke, jede muss ganz individuell entscheiden, ob sie sich beim Sex während der Menstruation wohl fühlt, da mit seinem eigenen Blut konfrontiert ist, oder ob es Schmerzen verursacht. Selbstbefriedigung ist für mich als Frau etwas sehr Wichtiges, da es in der Gesellschaft immer noch ein Tabuthema ist. 

Hat Dein Zyklus Einfluss auf Deine Libido? Bist Du sexuell erregter oder eher lustloser während der Menstruation?  

Ja, extremen Einfluss. Im Speziellen, seitdem ich vor knapp 2,5 Monaten hormonelle Verhütung aus meinem Leben verbannt habe. Seither spüre ich nicht nur alles viel intensiver, sondern die einzelnen Phasen des Zyklus sind präsenter und auch meine Libido ist davon positiv beeinflusst. Wenn ich meine fruchtbare Phase habe, bin ich total empfindlich und erregt, ich würd am liebsten ständig und überall Sex haben. Total verrückt und interessant. Während ich blute, möchte meine Yoni (=Vagina) nur von mir geliebt und umsorgt werden, sie möchte ruhen. Ich bin auch in keinster Weise von Dingen erregt, die eigentlich sexuell erregend wirken. Dirty Talk, Sexten, Magic Mike Szenen, ein nackter Mann vor mir, Vorspiel oder Sonstiges lässt mich eigentlich kalt  in dieser Phase.

Was rätst Du anderen Frauen, die noch unerfahren im Umgang mit Sex während der Menstruation sind. Hast Du einen geheimen Tipp?  

Setz dich mit Deinem Körper auseinander. Hör auf ihn und erkunde ihn während dieser Phase zuerst für Dich alleine! Tu nicht, was Du nicht willst oder weh tut! Aber schäme Dich auch nicht für dein Blut!  

Schenke Deiner Yoni zuerst alleine Liebe und dann wage Dich mit Deinem Partner langsam und behutsam heran, wenn ihr euch beide damit wohlfühlt. Sobald sich etwas unangenehm/nicht richtig anfühlt, lass es bleiben. Du bist zu nichts gezwungen.  

“Mein Partner ekelt sich vor mir, wenn ich meine Tage habe” – was würdest Du diesem Partner sagen? 

Für mich ist und war es nicht ekelhaft. Wenn der Partner das nicht so sieht, generell den weiblichen Zyklus nicht wertschätzt, besonders während der Menstruation mit seiner Partnerin nicht achtsam umgeht, ist es für mich ein totales No Go! 
Dies kam aber auch erst in den letzten Monaten, beziehungsweise mich und meinen Zyklus wertzuschätzen und dann zu sagen “Findest du mein Blut ekelhaft und kommst mit meiner Offenheit nicht klar, dann danke, da ist die Tür”.
Wenn der Partner sich ekelt, aber dies ändern möchte, dann denke ich ist es nicht nur für die Frau, sondern auch für den Mann wichtig, sich mit dem weiblichen Zyklus näher zu beschäftigen. Viele Männer wissen einfach zu wenig darüber und können damit auch nichts anfangen, da sie dieses Geschenk nicht von Mutter Natur erhalten haben.  Sich mit der Materie zu beschäftigen kann helfen, um zu verstehen, was eigentlich im weiblichen Körper jedes Monat passiert.  

Sprichst Du offen über Deine Menstruation? Hast Du Tipps, wie man dieses Thema einfacher kommunizieren kann? 

Ja, in letzter Zeit spreche ich total offen darüber. Vor allem in der Yogalehrerausbildung und mit meinen Freundinnen ist es ein offenes Thema. Mir ist es ein Anliegen einen “geschützten Raum” und eine gute Atmosphäre für Frauen bieten zu können, wenn sie über ihre Blutung sprechen wollen, sich das aber anfänglich nicht trauen. Ich will zeigen, dass es  wichtig ist das Tabu, darüber sprechen zu dürfen,  zu brechen. Behandelt man es wie ein normales Thema, befreit man sich von den Hemmungen und verliert die Scham. Besonders für junge Mädchen ist es so wichtig, da ich selbst von mir weiß, dass ich damals nicht richtig aufgeklärt wurde, schon gar nicht was die Verhütung und den Zyklus betrifft. 
Ich rede sehr offen über meinen Zyklus, meine Menstruation, meine Sexualtität. Auch wenn ich Männer kennen lerne, spreche ich offen darüber, denn wieso sollte ich mich für irgendwas schämen. Besonders vor meinen Freundinnen bin ich total offen, egal ob sie wollen oder nicht, denn anfangs ist es oft unangenehm über Menstruation und Sexualität zu sprechen, doch wenn ich offen bin und ihnen einen geschützten “Raum” anbiete, kann ich ihnen das Gefühl vermitteln sich selbst zu öffnen. Ich bin mittlerweile selbst so weit, dass ich mit meinen Freundinnen auch im Cafe darüber sprechen kann, meistens erzähle ich jedoch und sie hören einfach nur zu . 
Mein Tipp wäre, nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, “Baby steps” machen, das Thema vielleicht anfangs  nicht im Kaffeehaus ansprechen, sondern bei einer Tasse Tee zu Hause. Vielleicht beginnen mit “Ich hab da einen Artikel/Instagram/Blog Post gelesen über den weiblichen Zyklus/Menstruation/Weiblichkeit….” und sich damit langsam vortasten. Gemeinsam zu Workshops und Vorträgen gehen, die diese Themen behandeln. Selbst vorab einlesen, informieren und dann ansprechen. Ich denke auch die Offenheit darüber zu sprechen, kommt nicht von heute auf morgen und auch dann wenn sie “benötigt” wird, wenn die richtige Zeit ist. Ich hätte mich vor einem Jahr niemals “bereit” dazu gefühlt so offen darüber zu sprechen, mich haben auch die Themen nciht interessiert, es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Durch meine Trennung, das Yoga das ich derzeit mache, die Yogalehrerausbildung ist jetzt der Zeitpunkt dafür. 
Hätte mir jemand noch vor einem halben Jahr erzählt, dass ich erstens ein Interview über das Thema “Sexualität und Menstruation” geben werden und dann auch noch so offen über alles sprechen würde, dann hätte ich das nie geglaubt und gemeint “du bist ja verrückt”. Und doch sitze ich hier, beantworte intime Fragen und könnte mich vor eine Menschenmengen stellen und über meine Sexualität, meinen Zyklus und meine Menstruation sprechen. 
Alles kommt wie und wann es kommen soll, so auch die Offenheit für diese Themen und die Liebe zum eigenen Körper.

Vielen Dank für das Interview und Deine Offenheit zu einem Thema, das für viele Frauen nicht einfach anzusprechen ist!  

Jetzt femtasy entdecken
Julie

Gründerin von femtasy und begeisterte 'Von Frau zu Frau'-Interviewerin :)

Kommentare