Starke Frauen

Tina über ihre Jugend: Einen Porno aus der Videothek zu leihen war undenkbar.

Tina spricht mit uns über ihr erstes Mal und wie Themen wie Sex, Selbstbefriedigung und Aufklärung in ihrer Jugend kommuniziert wurden.

Liebe Tina, Du gehörst mit Anfang 50 Jahren zur Generation X. Wir möchten in den nächsten Fragen einige Mythen über Deine Generation aufdecken. Wir denken, dass sich in den letzten 60 Jahre ein positiver Trend gezeigt hat: Sexualität wurde immer mehr zu einem alltäglichen Thema mit mehr gesellschaftlicher Akzeptanz. Hast du Dich als Jugendliche mit Deiner Sexualität auseinander gesetzt? Was hat Dir dabei geholfen und was hat Dich dabei gebremst?

Sex blieb immer mal am Rand interessant für mich, aber das Interesse war sehr platonisch. Filmszenen oder Bilder von sich küssenden Menschen und Sexszenen gab es zu der Zeit nur sehr wenige, aber haben mich genauer hingucken lassen,  eher verschämt und doch neugierig.

Mit 12 Jahren trennten sich meine Eltern und ich blieb bei meiner Mutter. Damit wuchs mein Interesse an dem Thema. Mein Interesse an meinem Körper nahm zu, die Informationsquellen zum Thema Sexualität auch. Die Bravo war schon sehr interessant, auch wenn ich damals schon über viele Fragen, die dem Dr. Sommer Team gestellt wurden, herzhaft lachen konnte. Aber immerhin, es war eine Informationsquelle.

Geholfen hat mir ganz klar das Studium einschlägiger Lektüre. Aber auch der Sexualunterricht in der Schule war für mich hilfreich. Ich hatte in der Grundschule erste Kontakte damit und das zog sich dann bis zur zehnten Klasse durch.

In meiner Jugendzeit kam das Thema AIDS massiv auf den Tisch. Damals hieß es zuerst hauptsächlich Homosexuelle wären betroffen. Aber schnell wurde auch vor der Übertragung in heterosexuellen Beziehungen gewarnt. Das hat uns schon etwas ausgebremst. Die Angst vor sexueller Ansteckung hat die Bereitschaft mit Jungs „rumzumachen“ schon beschränkt. Allerdings wurde die Neugier ja auch immer größer. Was für ein Dilemma!

Vorher hatte ich schon einige Jungs eher unschuldig geküsst. Geredet haben wir nicht viel, es gab einfach ein stilles Einverständnis, indem die Hand auf Erkundungstour nicht abgeblockt oder weggenommen wurde. Ich war sehr gespannt darauf, wie es sich anfühlt von jemand anderem an den interessanten und auch etwas verbotenen Stellen berührt zu werden und selbst den anderen dort anzufassen.

War Selbstbefriedigung für Dich als junge Frau ein Thema? Wie hat sich Deine Generation darüber aufgeklärt und ausgetauscht?

Wir hatten ein Zeitschriftenabo, bekamen mehrere Blätter jede Woche ins Haus. Die Neue Revue wurde dann eine meiner liebsten Informationsquellen. Es begann in mir zu kribbeln, wenn ich die Sexreportagen las und die Bilder betrachtete. Das Wort Orgasmus begann mich zu faszinieren, ich wollte wissen wie sich das anfühlt. Irgendwann abends im Bett, ich denke ich war 12 Jahre alt, probierte ich dann mit Fingern aus, mich so zu stimulieren, dass ich dieses Gefühl erleben kann. Ich glaube am zweiten oder dritten Abend hat es geklappt. Oh Himmel, das war toll, überraschend, großartig. So fühlte sich sexuelle Befriedigung also an. Das gefiel mir.

So habe ich es dann oft und lange Zeit gehalten, täglich einmal mindestens, bestimmt für die nächsten Jahre. Irgendwann wollte ich das auch mit einem Jungen erleben, aber das hatte noch Zeit. Sex war zum Thema in meinem Leben geworden, aber nur mit mir alleine, das wollte ich gar nicht teilen.

Ich wusste aber auch sofort, das gehört hinter die verschlossene Tür. Das mache ich für mich alleine, darüber rede ich nicht mit meiner Mutter. Ich wusste zwar aus den Zeitungen, dass es etwas ganz normales ist, aber trotzdem war es kein Thema, dass ich mit meiner Freundin besprach. Dafür war es dann doch zu peinlich. Zu der Zeit war das einfach nicht üblich.

Wenn ein Mann viele Frauen hatte, wurde tendenziell über ihn gesprochen, aber er wurde nicht verurteilt. Bei Frauen war es häufig eine ganz andere Sache, sie wurden verpönt und von der Gesellschaft verstoßen. Wie hast Du das erlebt und wahrgenommen?

Es gab einige „Frauenhelden“ in meinem Bekanntenkreis. Sicher haben wir hinter vorgehaltener Hand über sie getuschelt, die Mädchen belächelt, die auf sie reingefallen sind. Sie waren für mich interessant, aber  nicht erstrebenswert. Solche Typen haben mich eher abgeschreckt, Stichwort AIDS…

Die Mädels, die „leicht zu haben“ waren, waren in meinem Umfeld zumindest selbstbewußt genug, das offen zu leben. Nach außen hin war das mit dem Ansehen schon etwas anders, aber nur, weil ältere Jugendliche oder Erwachsene diese Mädchen in einem schlechten Licht darstehen ließen.

Das brachte mich in einen Zwiespalt. „Frau tut so etwas eben nicht“ zu dem Wissen „Selbstbefriedigung ist nicht alles“. Ich und auch die Gruppe, in der ich mich damals bewegte, tendierte eher zur vorsichtigen Bewunderung, obwohl wir die schlechte Nachrede durchaus wahrgenommen haben.

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Offene Beziehung, BDSM und andere “außergewöhnlichere” sexuelle Fantasien – war das ein Thema, als Du in Deinen Zwanzigern und Dreißigern warst? Hatten diese Themen Platz “in der Gesellschaft” oder ist die “Durchschnittsfrau” damit so gar nicht in Berührung gekommen?

Ich bin jetzt 30 Jahre mit meinem Mann zusammen, habe ihn kennen gelernt „im normalen Leben“, Internet und Handy gab es noch nicht. Es gab keine Informationsquellen für uns über diese „Sexvergnügen“. Das brauchten wir nicht. Wir waren mit Blümchensex und „dem ganz Normalem“ völlig zufrieden. Schon meinem Mann einen zu blasen war für ihn fast unvorstellbar…

Ich war da etwas offener, er sehr, ich nenn es mal, konservativ. 😉 Als ich seine kleine Pornosammlung beim Aufräumen in einem Schrank gefunden habe, ist er fast vor Scham gestorben.

Einen Porno aus der Videothek zu leihen war undenkbar. Nur verschämt an den Regalen vorbei zu laufen war schon schwierig. Einmal waren wir bei seiner Schwester, es lief ein Porno, warum auch immer. Es gibt ein Foto, auf dem ich sehr interessiert den Bildschirm betrachte… Das war schon ein außergewöhnlicher Abend.

Sex war im Freundeskreis überhaupt kein Thema. Das machte man zu Hause, unter der Decke, ohne Licht und natürlich nur abends. Wir waren schon ein echt verklemmter Haufen. Alles andere war verpönt. Darüber redete man nicht, das hatte man auch nicht. Sich verhauen lassen zum Spaß? Partnertausch oder gar eine offene Beziehung? Um Gottes Willen!!! 😉 Wie, da gibt es noch andere Ausschweifungen???

Gegen Sex vor der Ehe spricht sich die Kirche bis heute aus. Wann und wie hattest Du Dein erstes Mal? Musstet Ihr es vor Euren Eltern geheim halten?

Im Herbsturlaub auf Rhodos hab ich einen schnuckeligen Griechen kennengelernt, ich war 17, glaub ich…. Außer recht gesittetem Fummeln, bekleidet, lief nicht viel, aber wir wollten uns wiedersehen… Wir haben durchgehalten. In den Osterferien waren meine Mama und ich wieder da. Ich hatte alles geplant, nahm die Pille. Am ersten Abend waren wir spazieren, landeten spät nachts in einer kleinen Ruine, fummelten und küssten uns. Leider war das nicht die Lokation, um so richtig in Stimmung zu kommen. Am nächsten Tag überraschte mich Michalis mit einem in der Stadt, angemietetem Zimmer. Ihr ahnt wofür wir es dann die nächsten zwei Wochen ausgiebig nutzten.

Ich kannte mich und meine Vorlieben schon sehr gut, kannte die theoretischen Abläufe auch bestens, war gewillt mich auf alles einzulassen. Er wusste nicht das es mein erstes Mal werden würde, hatte es aber wohl vermutet. Richtig darüber geredet haben wir nie. Dann, natürlich in Missionarsstellung, passierte ES. Ich habe es genossen, fand den Schmerz kaum wahrnehmbar, hatte auch einen Orgasmus. Irgendwie hatte ich das aber auch von mir erwartet. Iich hatte vorher keine Schwierigkeiten zu kommen, das gehörte einfach dazu und fertig. Ich habe es meiner Mutter nicht explizid erzählt, aber sie konnte es sich denken, als es passiert war. Da war dann doch eine Hemmschwelle…

Damit ihr auch die ganze Geschichte kennen lernt: Irgendwann im Winter war es dann vorbei, wir trennten uns. Es gab dann gute 6 oder 7 Jahre später, noch ein Wiedersehen. Ich machte mit meiner Mutter einen letzten gemeinsamen Urlaub auf Kos, wir fuhren einen Tag nach Rhodos. Er stellte mir seine Frau vor. Sie hatten schon ein gemeinsames Kind, es war ein netter Nachmittag mit vielen alten Geschichten… Seitdem gibt es aber keinen Kontakt mehr. Ich erinnere mich immer wieder gerne an die Zeit.

Wurdest Du vor Deinem ersten Mal aufgeklärt?

Ich habe schon ziemlich früh, mit circa 11 Jahren, die kleine Pornoheftsammlung meines Vaters zufällig gefunden und natürlich genauestens studiert. Spannend, was für Verrenkungen sie machten. WAS sie da taten, war mir sofort klar, ich war schon aufgeklärt. Ich wusste auch schon, dass Sex etwas Schönes ist, für das ich aber noch zu jung war, auf das ich mich aber freuen konnte.

Meine Eltern waren nicht prüde, sie liefen auch mal nackt herum, aber sie fanden, genauer müsste ich es nicht wissen. Darum war es umso spannender diese Heftchen in der Hand zu halten, die Theorie war mir ja schon geläufig…

Welche Werte wurden Dir von Deinen Eltern, in der Schule oder im Freundeskreis vermittelt?

Meine Mutter war verheiratet, bis ich zwei Jahre alt war. Der obige beschriebene Mann war eigentlich ihr jahrelanger „Verlobter“. Mein Opa lebte auch so viele Jahrzehnte.

Familie war wichtig, Nachbarn waren wichtig. Sie sollten alle ein „gutes Bild“ von uns haben. Ansonsten war es wichtig, dass wir uns im Spiegel in die Augen sehen konnten, jeder zu seinem Recht kam. Aber die anderen durften nicht „hinten runter“ fallen. Nicht nur auf sich selbst gucken, sondern auch immer dafür sorgen, dass es dem Umfeld gut geht, manchmal auch auf eigene Kosten.

“Heiraten ist ein Muss” – wurde das von der Gesellschaft so vorgelebt? Wie war es in Deiner Familie und unter Deinen Freunden?

Heiraten muss keiner.

Wir haben geheiratet, weil wir gerne bekunden wollten, dass wir zusammen gehören. Wir haben genug miteinander erlebt, um zu wissen, zusammen fühlt es sich besser an (und ist steuerlich von Vorteil 😉 ).

 

Julie

Gründerin von femtasy und begeisterte 'Von Frau zu Frau'-Interviewerin :)

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